Über Konzeptuelle Kunst: Alles Banane?
Kaum ein Kunstwerk hat in den letzten Jahren eine solche Bekanntheit erlangt wie Maurizio Cattelans „Comedian“, eine Banane, die mit Tape an der Wand fixiert wird. Erstmals gezeigt wurde das Werk auf der Art Basel Miami Beach im Jahr 2019, damals zum Preis von $120,000. Das Werk ist ein Auflagenobjekt in einer Edition 3 + 2AP (Artists Proof). Insgesamt gibt es also fünf vom Künstler autorisierte Werke. Zuletzt wurde ein Exemplar aus dieser Edition im Jahr 2024 bei Sotheby’s New York für 5.200.000 $ verkauft.
Aber kann sich nicht eigentlich jeder eine Banane mit Tape an die Wand kleben? Natürlich kann jeder ein Tape nehmen und eine Banane an die Wand kleben, dann ist es aber lediglich eine an die Wand geklebte Banane. Wenn aber ein konzeptuell arbeitender Künstler wie Cattelan eine solche Banane mit Tape in einer spezifischen Präsentation an die Wand klebt, wird diese Idee zur Kunst und somit zu einem Millionenobjekt. Entscheidend sind zunächst die Idee und dann die Auflagenhöhe. Durch die 5er Edition wurde eine Verknappung herbeigeführt, die den Wert erheblich steigert. Ein alltäglicher Gegenstand wird so durch den Kontext, die Autorenschaft, die Präsentationsform, die Verknappung auf 5 Exemplare und die dahinterstehende künstlerische Idee zum Kunstwerk.
Konzeptuelle Kunst wie die von Cattelan kennzeichnet, dass die Idee des Künstlers das Kunstwerk ist, nicht dessen Ausführung oder der Herstellungsprozess. Der Käufer erwirbt keine Banane und kein Stück Klebeband, sondern ein Protokoll. Ein ordnungsgemäßes Echtheitszertifikat enthält genaue Anweisungen: Die Frucht muss in einem Winkel von 37 Grad in einer Höhe von 68 Zoll über dem Boden positioniert werden; alle Materialien (einschließlich Banane und Klebeband) werden auf Kosten des Eigentümers bereitgestellt.
Weiterverkauft werden kann dann nur das Zertifikat, nicht die physische Ausführung des Werks. Eine Banane muss ja naturgemäß regelmäßig ersetzt werden. Auch Cattelans bekannte Wachsfiguren wie beispielsweise „Him“ oder „La None Ora“ wurden nicht von ihm selbst ausgeführt, sondern durch den Bildhauer Daniel Druet. Letzterer hatte auf Anerkennung als Mit- bzw. Alleinurheber dieser Werke sowie eine Entschädigung von sechs Millionen Euro geklagt, da er die physische Arbeit an den Figuren geleistet hatte. Ein Pariser Gericht wies die Klage von Druet ab. Die Richter entschieden, dass Maurizio Cattelan der alleinige Urheber der Werke ist, da das Konzept und die kreative Ausrichtung von ihm stammen.
Konzeptuelle Kunst ist als Sammlungsgebiet schon seit vielen Jahren auf dem Kunstmarkt etabliert. Der erste konzeptuell arbeitende Künstler war Marcel Duchamp. Seine sog. „Ready mades“ aus Alltagsgegenständen, die in einen neuen Kontext eingefügt werden, erzielen auf dem Markt sechs- bis siebenstellige Ergebnisse. Der Begriff „Konzeptkunst“ wurde aber erst in den 1960er-Jahren durch den US-amerikanischen Künstler Henry Flynt geprägt.
im Jahr 1985 hat ein anderer großer Konzeptkünstler, Joseph Beuys, in seinem berühmten Werk „Capri Batterie“ eine Zitrone auf eine Glühbirne mit Steckerfassung gesetzt. Auch hier ist das verwendete Material quasi wertlos, erst das von Beuys erdachte spezifische Zusammentreffen der beiden Elemente Glühbirne und Zitrone machen das Werk zur Kunst. Als Multiple ist es in einer Edition von 200 Exemplaren erschienen. Der Preis für ein Werk aus der Edition liegt aktuell zwischen 7.000 und 9.000, - Euro. Die Verwendung von (vergänglichem) Obst als Material für Kunstobjekte wurde also nicht von Cattelan erfunden.
In der berühmten Werkserie „Lieber Maler male mir …“ von Martin Kippenberger ließ Kippenberger großformatigen Bilder von professionellen Werbemalern anfertigen. Statt selbst Pinsel und Farbe zu schwingen, lieferte er nur die Idee und das Konzept. Obwohl er die Gemälde handwerklich nicht selbst ausführte, liegt die Urheberschaft für diese Werke ausschließlich bei Martin Kippenberger.
Konzeptkunst kann auch nur eine einfache Sammlung geschriebener Anweisungen sein, die von jedem an der Ausführung beteiligten nachvollzogen und durchgeführt werden können – ohne Verwendung von Materialien zur Herstellung des Werks.
Eine aktuelle Erweiterung der Konzeptkunst als Kunstform um den Faktor KI ist die Protocol Art, bei der anstelle eines festen Endprodukts Künstler Prozesse, Anweisungen oder technische Infrastrukturen (wie KI-Modelle und Blockchain-Protokolle) erschaffen, die als eigenständiges Material dienen.
Damit zeigt konzeptuelle Kunst eindrücklich, dass der Wert eines Kunstwerks nicht allein in seiner materiellen Gestalt liegt, sondern, im Gegenteil, ausschließlich auf einer Idee oder einem Prozess beruhen kann. Somit zwingt uns die Kunst, unsere Erwartungen an ein Kunstwerk stets neu zu überdenken und zu hinterfragen. Die Banane an der Wand ist vergänglich – die Idee bleibt für immer.
16.09.2026
Zum Unterschied zwischen Marktwert, Versicherungswert und Auktionsschätzung - was ist der Preis von Kunst?
Wer sich einmal mit Kunst und dem Kunstmarkt beschäftigt hat, kann schnell verwirrt sein aufgrund verschiedener Preise, die genannt werden, je nachdem, ob es sich um einen Galeriekauf, einen Verkauf über ein Auktionshaus oder eine Versicherungsschätzung handelt.
Genau dies sind die konkreten Anwendungsfälle für die verschiedenen und teils sehr weit auseinanderliegenden Wertangaben für ein und dasselbe Kunstwerk.
Der Wert von Kunstwerken (Bildende Kunst, Antiquitäten) ist nicht fester Bestandteil eines Werkes, sondern wird ihm von außen durch den Kunstmarkt beigemessen. Zur Ermittlung des Werts muss vorab der Zweck einer Wertermittlung geklärt sein. Handelt es sich
a) um eine Erbschaft oder Schenkung, wird der Verkehrswert (auch Gemeiner Wert, Marktwert oder Fair Value genannt) ermittelt. Dies erfolgt in einem Vergleichswertverfahren. Der Verkehrswert wird durch den Preis bestimmt, der im gewöhnlichen Geschäftsverkehr nach der Beschaffenheit des Wirtschaftsgutes bei einer Veräußerung zu erzielen wäre. Dabei sind alle Umstände, die den Preis beeinflussen, zu berücksichtigen. Ungewöhnliche oder persönliche Verhältnisse sind nicht zu berücksichtigen (Quelle: https://www.ihk-muenchen.de/ratgeber/sachverstaendige/wertbegriffe-und-kostenbegriffe/#st_accordion_tabs_2). Die Verkaufspreise von vergleichbaren Werken für ein nach Künstler, Schaffensperiode, Technik, Qualität, Sujet, Maß, Provenienz und Erhaltungszustand vergleichbares Objekt müssen von dem/der Sachverständigen ermittelt werden durch Recherche in internationalen Preisdatenbanken und auf Händlerwebseiten. Die Gewinnmarge der verkaufenden Galerie bzw. das sog. Aufgeld des Auktionshauses sind, ebenso wie persönliche und ungewöhnliche Umstände, bei der Bewertung des Kunstwerks im Rahmen der Verkehrswertermittlung nicht zu berücksichtigen;
b) um ein Versicherungsgutachten, dann ist der Wiederbeschaffungswert maßgeblich. Dieser dient der Schadensfeststellung im Versicherungsfall. Der Wiederbeschaffungs- oder Versicherungswert entspricht jenem Betrag, den ein Käufer aufwenden muss, um innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit ein gleiches Kunstobjekt zu Händlerverkaufspreisen zu beschaffen, wie das beschädigte oder abhandengekommene. Der Wiederbeschaffungswert ist typischerweise höher als der Verkehrswert in der höchsten Handelsstufe, da dem Geschädigten nur ein geringer Beschaffungsaufwand zugemutet wird. Der Wiederbeschaffungswert beinhaltet außerdem die Transaktionskosten (z.B. Transport, Umsatzsteuer, Aufgeld bei Auktionszuschlägen, Händlermargen) (Quelle: s.o.);
c) um einen möglichen Verkauf eines Kunstwerks. In diesem Fall ist eine Auktionsschätzung die Basis einer Wertermitttlung. Eine Auktionsschätzung ist der zu erwartende Preis, den ein Werk beim Wiederverkauf über eine Auktion voraussichtlich, auf der Grundlage bisher veröffentlichter Preise, realistischerweise am Markt erzielen kann, unter Berücksichtigung der Kriterien wie in a) genannt. Privatverkäufe fließen nicht mit ein, da diese nicht in den Preisdatenbanken veröffentlicht werden.
Bei allen drei genannten Preisermittlungen müssen sämtliche wertbildende Faktoren, die den Wert eines Kunstgegenstandes beeinflussen können, gewichtet werden. Der/die Sachverständige muss prüfen:
- die Qualität des vorliegenden Werks,
- die Signatur und ggf. Datierung,
- die Marktgängigkeit (Sujet und Format),
- die Bedeutung innerhalb des künstlerischen Œuvres,
- den Erhaltungszustand,
- die Provenienz,
- die Eintragung in Werkverzeichnissen und/oder weitere bibliographische Recherchen.
Eine Werteinschätzung von Kunstwerken benötigt somit eine fundierte Kenntnis des Gesamtwerks des zu bewertenden Künstlers, der Methodik sowie das Wissen um die grundsätzlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen Bewertungsgrundlagen je nach Zweck einer Schätzung. Eine entsprechende Aufklärung dieser Unterschiede durch den/die Sachverständige gehört zu dessen Sorgfaltspflicht, um Missverständnisse zu vermeiden.
Welche Faktoren sind für die Werteinschätzung von Kunst relevant?
Zunächst muss der Urheber eines Werks festgestellt werden, also der Künstler/die Künstlerin. Dann stellt sich die Frage der Authentizität: Stammt das Werk wirklich von dem Künstler, von dem es zu sein scheint? Kriterien wie Technik, Signatur, Pinselstrich, Motiv, bei Editionen auch die Maße und die Editionsnummer, spielen hierbei eine Rolle. Werkverzeichnisse können bei der Einschätzung behilflich sein, aber nicht für alle Künstler existieren solche.
Ist die Urheberschaft zweifelsfrei geklärt, geht es um die Fragen nach der Bekanntheit des Künstlers am Markt und nach der Bedeutung des konkreten Werks in dem Gesamtschaffen des Künstlers. Wichtig ist zu wissen, aus welcher Schaffensperiode das Kunstwerk stammt, wie ist es qualitativ einzuschätzen, welche Motive oder Darstellungen des Künstlers sind am Markt besonders stark nachgefragt, was ist macht das Werk dieses speziellen Künstlers aus, wonach suchen andere Sammler? Handelt es sich um ein Unikat? Weitere Aspekte sind die Höhe der Auflage bei Editionen, die Maße, die Technik, der Zustand und die Provenienz.
Eine Einschätzung der Qualität eines Werks kann nur von kundigen Sachverständigen vorgenommen werden, die den Werdegang eines Künstlers über einen längeren Zeitraum verfolgen und das künstlerische Werk in einen größeren kunsthistorischen Zusammenhang einordnen können.
Wie läuft eine Schätzung ab und welche Kosten entstehen hierdurch?
In einem telefonischen Vorgespräch wird zunächst geklärt, welche der oben genannten Faktoren zu einem Werk bekannt sind. Auf dieser Grundlage erfolgt die Entscheidung, ob eine Einschätzung anhand von Fotos erfolgen kann oder ob eine Besichtigung im Original erforderlich ist. Generell berechnet sich die Leistung eines Sachverständigen nach dem Aufwand, nicht nach dem Wert eines zu begutachtenden Werks. Die zu erwartenden Kosten lassen sich in dem Vorgespräch in der Regel klären.
03.08.2026
